Montag, 13. August 2007

Der kleine Herr Mehdorn und meine Versöhnung mit der großen Hure B.

"Soll das jetzt heißen, dass du angefangen hast, mich zu hassen?" Die Beiläufigkeit, mit der sie das sagt, so zwischen zwei Gabeln, hat mich nicht einmal schockiert. Ich kenne sie. Ich fühle, wie es immer noch in mir frisst und blindwütig auf alles in meiner Erinnerung eindrischt, was ich noch mit mir herumtrage, aber ich lasse es geschehen. Es hat nichts mehr zu bedeuten, außer dass ich immer noch genau weiß, warum sie mir einmal etwas bedeutet hat. "Nein, habe ich nicht. Ich weiß nicht einmal, ob ich dich irgendwann hassen werde. Am liebsten wäre mir, du wärest mir eines Tages tatsächlich so gleichgültig, wie ich es dir heute schon vormache. Aber das weißt du." Ich habe Lamm bestellt und Glück gehabt, der Koch hat wohl einen guten Tag. Sie schlingt ihr Tabulet geradezu in sich hinein. Sie schmatzt. Sie schaut mich an. Sie lächelt und schaufelt eine Gabel nach der anderen in ihr unverschämt kusstaugliches Maul und lächelt wieder und tut wie immer so, als gäbe es auf der ganzen Welt für mich nur sie und für sie nur mich. Ich ärgere mich, dass ich sie zu diesem Araber geschleift habe. Ich will einen Schnaps bestellen und noch einen und noch einen und denke, während ich an mich halten muss, um ihr nicht meinen halbleeren Teller mitten ins Gesicht zu werfen, ob der Koch nicht vielleicht doch selbst auch ab und zu einmal ein Gläschen trinkt, und ob ich nicht einfach in die Küche gehen und ihn direkt darauf ansprechen soll. "Hast du mich vermisst? Willst du mit mir schlafen?" Ich antworte nicht. Ich nehme mir vor, einfach aufzuessen, mein Geld auf den Tisch zu legen und zu gehen. Und ekle mich bei dem Gedanken an die Hundescheiße auf den Trottoirs und all das Pack, das zwischen hier und meiner U-Bahn am Kottbusser Tor noch auf mich wartet. (Rationalstürmer, Groschenroman, den es nie geben wird)

Berlin-im-August

Um die seltsamen Vorgänge im Kopf des kleinen Herrn Mehdorn zu verstehen, muss man einfach einmal nach Einbruch der Dunkelheit auf einem Hochhausbalkon in Berlin stehen. Natürlich, die Diskussion um die Gestaltung des Potsdamer Platzes ist längst (und abschließend) geführt, und man muss über diese bedauernswerte Mixtur aus pseudomodernem Backsteinkäse, consultergerechten Arbeitszellen und Unterschichtenbespaßungsrummel nun wirklich nicht mehr viel Worte verlieren.

Aber erst bei Nacht offenbart das Berliner Nachtpanorama so richtig - und dabei trotzdem auf den ersten Blick - was man sonst vielleicht in vielen Sitzungen beim Therapeuten oder durch Serien von Familienaufstellungen erst herausbekommen würde: Der Mann muss - so meine Vermutung - ein gewaltiges Problem haben, einen Minderwertigkeitskomplex, der sich gewaschen hat. Ich kenne sowas, ich schleife selbst die eine oder andere liebenswerte kleine Macke deswegen mit mir herum, bin ich doch selbst auch nicht wirklich ein Hüne. Und wenn man die Welt um sich herum jahrein, jahraus immer nur von unten sieht, dann legt man sich mit der Zeit wenigstens ein Maul zu, das größer ist als das aller anderen. Mir beispielsweise reicht das, im Großen und Ganzen zumindest. Leute wie der Mehdorn aber, Leute wie der müssen es einfach ständig übertreiben.

Als allerallerallereinzigstes Gebäude ist die DB-Konzernzentrale auch nächtens so knallehell erleuchtet, dass man sich wie mittendrin in einem von Schlingensiefs Nahtoderlebnissen wähnen muss - das ganze peinliche Architektenverbrechen ein einziges gleissendes Menetekel, das alle lesen können, nur der Hartmut nicht. Und weil das natürlich noch nicht reicht, stechen am Hauptbahnhof, lediglich eine Handvoll Straßenzüge weiter, ein paar Flakscheinwerfer von unten in den Nachthimmel, dass die verfluchten Seelen von Albert Speer und Leni Riefenstahl dort droben auf ihren Wölkchen vor Begeisterung wahrscheinlich gleich die alten Pläne für Germania wieder herausholen. Entschuldigung, aber wenn auch nur irgendjemand Schäuble für einen zusammengeschossenen, verbitterten und bösartigen alten Krüppel hält, dem es einmal gescheit recht geschähe, dass eines seiner verdammten Überwachungsgimmicks ihn dabei zeigen würde, und zwar bildfüllend und zur besten Sendezeit, wie die Bodyguards - Fleischergesellen gleich, die frisch gestempelte Schweinehälften auf den Transportwagen zum Kühlhaus packen - sein taubes Gestell vom Rollstuhl in die Ministerlimousine wuchten, dann muss doch auch jemand ganz zwangsläufig auf den Gedanken kommen, dass das Hartmütchen ebenfalls einen kapitalen Patscher sein Eigen nennen dürfte. Oder unterliege ich da einem Irrtum und bin wieder mal nur gemein?

Naja, ist ja auch egal. Ansonsten haben Berlin und ich uns ja versöhnt. Pack schlägt und verträgt sich eben, und wenn man sich sonst schon auf nichts und niemand mehr verlassen kann, dann ist das doch mal eine Meldung, aus der man beinahe ein Idyll zaubern könnte. Keine Angst, werde ich jetzt nicht tun, es soll ja niemand neidisch werden. Und außerdem hat mir die alte Schlampe einen Sommerschnupfen angehängt, für den ich ihr schon wieder eine reinhauen könnte. Wobei, das bisschen Sommerluft, das wir dieses Jahr haben, das kann ich auch durch die wundgeschneuzte Rotzglocke noch erschnuppern, die mir da gerade in der Visage hängt. Hauptsache ist doch, dass ich alter Revisionist meine Grenzen aus dem status quo ante wieder hergestellt habe und meine Quanten auf Hauptstadtboden setzen kann, ohne deswegen gleich in Tränen ausbrechen zu müssen.

Fischlein schreck dich


Reise-nach-Berlin

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Pecas - 2. Mär, 07:36
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